Prinz Miau

Herkunft: Märchen aus Indonesien

Unter hohen Bäumen stand auf hohen Pfählen ein Haus. Es war so groß, dass ein ganzes Königreich darin Platz hatte. Es wohnten darin Vater und Mutter, alle Onkel, Tanten, Kinder und fünf Schwestern, ein Bruder und eine Anzahl Großmütter. In dieses Königreich gelangte man über eine Leiter. Und man mußte die Leiter heruntersteigen, wenn man das Königreich verlassen wollte. ja, so ein Königreich war das.

Eines Tages bat die jüngste Schwester ihre ältere Schwester, sie solle der noch älteren Schwester zuflüstern, dass diese der ältesten Schwester sage, ihr Bruder solle heiraten. Also schickten sie ihn ins benachbarte Königreich, damit er sich dort eine Braut suche. Er nahm einen Büffel, drei Hennen und drei Kokosnüsse mit und brachte dafür eine Prinzessin heim. Sie zogen in das Haus ein, wo schon alle Onkel, Tanten, Kinder, Mutter und Vater, die Großmütter und die fünf Schwestern wohnten. Sie kletterten über die Leiter in das Königreich hinauf.

Nach einiger Zeit wurde dem Bruder und der Prinzessin ein Söhnchen geboren. Kaum hatte es die Augen geöffnet, spitzte es die Lippen und sagte zu Vater und Mutter “miau”.

Die jüngste Schwester sagte zur älteren Schwester, sie solle der noch älteren Schwester zuflüstern, dass diese es der ältesten Schwester sage, das Kind habe, ob man es glaube oder nicht, ein Katzengesicht. Und so nannten sie ihn Prinz Miau. Sein Vater schämte sich seiner derart, dass er die Mutter verließ und in die Welt hinauszog, um sich eine neue Frau zu suchen, denn er wollte nicht noch weitere Katzenkinder haben! So sagte er zur jüngeren Schwester, diese solle es der älteren Schwester berichten. damit diese es der noch älteren Schwester weitersage und diese es dann der ältesten Schwester sage.

Die Mutter des Prinzen Miau weinte bitterlich.

Niemand wusste, von wem der Kleine das Katzengesicht geerbt hatte, und nicht einmal der Zauberer konnte es ihm wegzaubern. Dein Prinzen Miau jedoch machte das gar nichts aus. die Menschen hatten ihn gern, nur die Hunde konnten ihn nicht ausstehen, vor denen musste er immer auf die höchsten Palmen flüchten. Die Mutter aber weinte immer mehr und mehr. Und so schmiegte sich der Prinz Miau eines Tages zärtlich an sie und flüsterte ihr zu: “weine nicht, liebe Mutter, denn aus mir wird noch ein mächtiger König.”

Aber die Mutter war untröstlich. “Vor dir haben nicht einmal die Mäuse Angst, du mein armer kleiner Katzenprinz”, sagte sie schluchzend, und Tränen so groß wie Perlen rannen ihr aus den Augen.

Als Prinz Miau herangewachsen war, sagte er zu seiner jüngsten Tante, sie solle der älteren Tante berichten, und diese der noch älteren Tante auftragen, dass sie der ältesten Tante weitersage, dass sein Vater mit einer neuen Frau heimkehren werde. Alle staunten, woher der Katzenprinz das wusste, der aber lächelte nur.

Und er befahl sofort, alle sollten dem Vater entgegengehen, denn der werde von nun an wieder daheim regieren. So gingen sie denn auch alle dem König entgegen, der seine neue Braut heimbrachte. Prinz Miau verneigte sich tief vor ihr und sagte: “Liebe Prinzessin, du brauchst dich meiner nicht zu schämen, denn bald wirst du ein Kätzchen bekommen, und es wird mein Schwesterchen sein.”

Als der Vater das hörte, wurde er so zornig, dass er seinen Sohn am liebsten auf der Stelle umgebracht hätte. Aber die Leute hinderten ihn daran.

Der König und seine neue Frau feierten ein großes Fest, zu dem sie alle einluden, nur der Katzenprinz und seine Mutter wurden nicht eingeladen, weil man sich ihrer schämte.

“Weine nicht, meine Mutter”, tröstete sie Prinz Miau. “denn aus mir wird noch ein mächtiger König.”

“Ach, vor dir haben nicht einmal die Mäuse Angst!” sagte die Mutter und ging, um die Büffel zu versorgen. Dann setzte sie sich unter eine Palme und sang ein trauriges Lied.

Prinz Miau hörte ihr zu, sagte kein Wort und lächelte nur.

“Mutter, ich werde heiraten”, verkündete er eines Tages.

“Welche Frau will dich schon zum Mann haben”, seufzte die Mutter. Aber ihr Sohn machte sich fröhlich auf den Weg. Er ging immer hinter den Mäusen her, bis er in ein anderes Königreich kam. Neben der Leiter, die in das Haus führte, saß der König und seufzte tief: “Wo kommen nur all die vielen Mäuse her? Den ganzen Reisvorrat haben sie aufgefressen.”

Prinz Miau erklärte sich bereit, sämtliche Mäuse zu verjagen, wenn ihm der König eine seiner Töchter zur Frau gebe.

“Welche von euch will den Prinzen Miau heiraten?” rief der König.

Die Prinzessinnen steckten die Näschen durch den Türspalt und quietschten erschrocken, als sie die Mäuseschar erblickten. Die jüngste sagte, sie sei bereit, den Prinzen Miau zum Manne zu nehmen. Der König war erfreut und sagte dem Prinzen zu. Prinz Miau fauchte heftig und miaute drohend, und schon stoben die Mäuse nach allen Seiten auseinander und wurden nie mehr gesehen.

“Was soll ich noch tun, König?” sagte der Prinz. Der König schickte ihn zur Arbeit aufs Feld. Als der Prinz mit der Feldarbeit fertig war, ging er zum See, um zu baden. Die jüngste Prinzessin folgte ihm heimlich und sah, wie er am Ufer des Sees die Katzenhaut vom Gesicht abzog. Und da stand plötzlich ein wunderschöner Jüngling.

Die Prinzessin rannte nach Hause, so schnell sie die Füße trugen, und versprach ihrem königlichen Vater nochmals, dass sie den Prinzen Miau unbedingt zum Mann wolle. Der König ließ die große Trommel

rühren, damit es alle Welt erfahre. Eine prachtvolle Hochzeit wurde gefeiert, alles tanzte und freute sich. aber die älteren Schwestern machten sich hinter ihrem Rücken über ihre jüngste Schwester lustig.

Der Prinz Miau zog mit seiner Frau, der Tochter eines reichen Königs, zu seiner Mutter in das Haus auf den hohen Pfählen unter den hohen Bäumen. Sie kletterten über die Leiter hinauf.

“Warum verbirgst du dein wahres Gesicht?” fragte die Prinzessin eines Tages ihren Gemahl. “Quäle doch deine Mutter nicht länger. Sie hat schon genug Tränen um dich vergossen.”

“Gut”, sagte Prinz Miau, .nimm die Milch aus sieben Kokosnüssen, flechte sieben Matten und entfache eben Feuer auf sieben Herden. Schütte die Milch in sieben Quellen, bette die Matten für sieben Eidechsen, trage das Feuer zu sieben alten Frauen, sie sollen mir die glühende Asche ins Gesicht streuen

Als die sieben alten Frauen diesen sonderbaren Wunsch erfüllt hatten, ging die Katzenhaut in Flammen auf; der Prinz tauchte das Gesicht in die sieben Quellen mit der kühlen Kokosmilch, und da verwandelten sich die Matten in Ställe, die Eidechsen in Büffel und der Prinz in einen wunderschönen Jüngling. ..Die Geister haben mir ein Katzengesicht gegeben damit ich die Menschen kennenlerne. Wer gut zu mir war, dem wird es gut gehen, wer böse war, wird leiden müssen”, sagte der Prinz; und kaum hatte er das gesagt, verendeten die Büffel seines Vaters im Stall, und seine zweite Frau wurde plötzlich von Flöhen überfallen, die sie bissen und bissen, so daß sie in den Dschungel rannte und nie wiederkam. Der Vater bat den Prinzen um Vergebung. Der Prinz wollte nichts davon hören, aber die Mutter sagte: “Vergib ihm doch, mein lieber Sohn, du bist jetzt ein mächtiger König.” Und der Prinz verzieh seinem Vater. Und so lebten wieder alle zusammen wie früher in dem Haus auf den hohen Pfählen unter den hohen Bäumen. Das Haus war so groß, dass ein ganzes Königreich darin Platz hatte.

Es wohnten darin Vater und Mutter, Kinder und alle Onkel, Tanten, fünf Schwestern und eine Anzahl Großmütter zusammen mit dem Prinzen und seiner jungen Frau.