Uraschima

Herkunft: Japan

Welt draußen auf hoher See liegt eine zauberhafte Insel, auf der die Sonne nächtigt. Auf dieser Insel lebte einst ein junger Fischer. Er hieß Uraschima. Jeden Morgen fuhr er in seinem Boot aufs Meer hinaus, tauchte seine Netze in die Tiefe und lockte mit seinem Gesang die bunten Seefische heran.
Eines Tages aber war kein einziger Fisch in seinem Netz. Uraschimas Gesang wurde immer und immer trauriger.
“Gräm dich nicht, mein Sohn, es wird schon wieder besser werden”, tröstete ihn die Mutter.
Eines Morgens fuhr er wieder hinaus.

“Wenn ich auch heute nichts fange, um meine alten Eltern mit Speise versorgen zu können. dann soll mich das Meer davontragen”, sagte er traurig und breitete die Netze aus. Aber das Meer schien wie verhext.

Uraschima war der Verzweiflung nahe, als plötzlich knapp unter dem Wasserspiegel etwas aufleuchtete und das Netz sich so heftig spannte, dass es beinahe das Boot zum Kentern brachte. Uraschima wollte kaum seinen Augen trauen, so glücklich war er, als er das Netz endlich ins Boot gezogen hatte. Darin zappelte ein Fisch, wie ihn noch niemals ein Fischer erblickt hatte   gleißend wie Silber, die Schuppen mit echten Perlen besetzt, auf dem Kopf ein goldenes Krönlein.

“Endlich wird es uns gut gehen”, sagte sich Uraschima freudig.

Aber der Fisch schaute ihn mit so traurigen Augen an, daß der Junge fast zu weinen begann, Der Fisch tat ihm so leid, dass er ihn ohne Zaudern ins Meer zurückgleiten ließ.

“Ach, ich Unseliger, was habe ich getan!” jammerte er dann. “Ich kann doch nicht mir leeren Händen heimkehren. Ach, wenn mich doch das Meer verschlingen wollte!”

Da ertönte eine sonderbare Stimme: “Uraschima, braver Uraschima!”

Der Fischer blickte umher, konnte aber weit und breit nichts sehen außer einer Riesenschildkröte, die sein Boot umkreiste.

“Mich schickt der König der Meere”, sprach die Schildkröte mit menschlicher Stimme. “Dank sagt er dir, dass du dem silbernen Fisch, seiner einzigen .Tochter, die Freiheit geschenkt hast’ Zur Belohnung bist du zum Gastmahl im Palast auf dem Meeresgrund eingeladen.”
Uraschima wunderte sich. .Wie könnte ich einfacher Fischer bis in die Tiefen des Meeres gelangen?” wandte er ein. Aber die alte Schildkröte beruhigte ihn: “Du stehst unter dem Schutz des Herrschers der Meere. Setz dich auf meinen breiten Panzer und halte dich fest!” Uraschima gehorchte.

Immer tiefer und tiefer tauchten sie, die Wasser teilten sich vor ihnen wie ein gläsernes Tor. Sie schwammen durch eine merkwürdige Welt voll bunter Lichter, zauberhafter Gärten mit Seeanemonen und Korallengrotten. Unterwegs erzählte die Schildkröte, wie die Königstochter zu weit vom Meerespalast geschwommen sei und sich dann durch einen unglücklichen Zufall in Uraschimas Netz gefangen habe. “Ich bin ihre Kinderfrau”, verriet sie ihm. “Hättest du ihr nicht die Freiheit geschenkt, wärst du von unserem König furchtbar bestraft worden. Und auch ich danke dir von ganzem Herzen.”

Uraschima wusste nicht, wie lange sie unterwegs waren. Aber plötzlich schlug ihnen aus der Tiefe ein blendendes Licht entgegen, und vor ihnen lag das Tor zum Meerespalast aus Korallen, Perlen und Perlmutter.
Als sich die Schildkröte und Uraschima näherten, leuchteten ihnen geharnischte Schwertfische mit goldenen Laternen entgegen, in denen blauschillernde kleine Fische schwammen, und öffneten ihnen das riesige Tor aus mit Diamanten besetztem Schildpatt und Walfischflossen. Dröhnend schlossen sich die Wogen hinter ihnen.

Vor seinen Augen verwandelte sich die alte Schildkröte in eine vornehme alte Dame, und die kleinen Fischchen in junge Mädchen mit langen
Schleiern aus Fischschuppen in den Haaren. “Wer die Tore des Palastes auf dem Meeresgrund durchschreitet, verliert seine Fischgestalt und wird zu einem menschenähnlichen Geschöpf”, erklärte die Schildkröte. “Aber du brauchst nichts zu fürchten, braver Uraschima, hier darf keiner dem anderen etwas zuleide tun. Haie leben hier in Freundschaft mit Sardinen und Heringen, Aale und Meerbrassen spielen in den Gärten mit kleinen wehrlosen Fischlein. So will es hier das Gesetz.”

Da ertönten aus riesigen Muscheln festliche Fanfaren, und in Begleitung weißgekleideter Mädchen erschien die anmutige Prinzessin, die Tochter des Königs der Meere.

Lächelnd fasste sie Uraschima bei der Hand und führte ihn durch prachtvolle Gemächer zu einem Vorhang aus leuchtenden Korallen, Perlmutter, Perlen und Meeresblüten.

“Mein Vater ist über alle erhaben”, flüsterte sie Uraschima zu. “Wer ihm ins Antlitz schaut, muss sterben.”
Da erklang hinter dem Vorhang aus leuchtenden Korallen, Perlmutter, Perlen und Meeresblüten eine tiefe Stimme: “Aus ganzem Herzen danke ich dir, Uraschima, dass du mir meine einzige Tochter wiedergegeben hast. Sei mein Gast, solange es dir beliebt.”

Nach diesen Worten legten unsichtbare Hände Uraschima eine Kette aus goldenen Muscheln um den Hals und setzten ihn in einen Lehnsessel aus Meeresschaum. Zarte Musik erklang, und vor Uraschima standen plötzlich Tischchen aus Perlmutter mit den herrlichsten Speisen und Früchten darauf. Uraschima ließ es sich schmecken, und die Prinzessin erzählte ihm allerlei Geschichten aus dem Reich der Meerestiefen. Aber bald erinnerte sich der junge Fischer an seine Eltern und bekam Heimweh. Die Prinzessin versuchte ihn vergebens zu überreden, bei ihnen zu bleiben.
Als Uraschima hartnäckig bei seinem Vorhaben blieb, führte sie ihn in die Schatzkammer des Königs der Meere und holte aus einem großen Haufen Gold und Edelsteinen eine gewöhnliche Muschel hervor.

“ich schenke dir diese seltene Muschel. Sie birgt einen Zauberstein, das wertvollste Kleinod meines Vaters. Wenn du der Muschel einen Wunsch zuflüsterst, wird es dir der Stein erfüllen, was immer es auch sei. Aber hüte dich, die Muschel zu öffnen! Der Zauberstein ist ebenso erhaben wie das Antlitz des Königs der Meere. Nie darf ihn ein Menschenauge erblicken.”

Uraschima dankte der Prinzessin, nahm Abschied, setzte sich vor den Toren des Meerespalastes wiederum auf den breiten gepanzerten Rücken der alten Schildkröte, und diese brachte ihn durch die zauberhafte Welt voll bunter Lichter und Korallengrotten bis an das heimatliche Ufer.
Freudig lief Uraschima zur Hütte seiner Eltern, aber sie war vom Erdboden verschwunden. Vergeblich schweiften seine Blicke umher, die Gegend kam ihm zwar bekannt vor, aber doch irgendwie anders. Anstatt des Föhrenhains am Ufer der Bucht breitete sich ein dichter Wald aus, die zarten Bäumchen am Berghang hatten sich wie durch ein Wunder in mächtige Stämme verwandelt.

“Wo wohnen hier die Eltern des Fischers Uraschima?” fragte er einen Unbekannten, der gerade vorüberging. Der aber zuckte nur mit der Schulter und antwortete: “Diesen Namen habe ich niemals gehört.”

Uraschima lief ins Dorf, das ebenfalls verändert war, und begegnete dort lauter unbekannten Menschen. Niemand erinnerte sich an seine Eltern. Schließlich traf er am Ende des Dorfes einen betagten Mönch. Auf seine Frage antwortete der Greis: “Uraschima? So hieß doch der junge Fischer, der vor langer, langer Zeit im Meer verschwand. Meine Eltern haben mir davon erzählt.”
Da begriff Uraschima, dass auf der Erde viele Jahre vergangen waren, während er auf dem Meeresgrund gewellt hatte. Er setzte sich ins Gras und weinte bitterlich.

Da fiel ihm die Muschel mit dem Zauberstein ein. “Ach, wenn doch wieder unsere Hütte am Ufer stände und ich noch einmal meine Eltern sehen könnte”, flüsterte er.

Da überflutete eine riesige Welle das Ufer, und als das Wasser zurücktrat, stand vor Uraschima seine alte Hütte, und auf der Schwelle standen seine EItern, die ihn glücklich anlächelten.

Lange musste Uraschima von seinen Erlebnissen auf dem Meeresgrund erzählen.
Vor der Hütte versammelten sich die Dorfbewohner, und der Fischer bewirtete sie freigebig mit Speise und Trank, denn die Zaubermuschel erfüllte alle seine Wünsche.

Eines Tages erfuhr auch der Statthalter von der Großzügigkeit des Fischers Uraschima und schickte sofort seine Beamten zu ihm.

“Sag, Uraschima, kann deine wunderbare Muschel auch Gold herbeizaubern?” fragten sie ihn.
Uraschima flüsterte etwas in die Muschel, und vor den staunenden Beamten schüttete sie zwei Häufchen Goldstücke aus.

“Jetzt haben wir dich erwischt, Uraschima!” riefen die Beamten. “Nur der Kaiser hat das Recht, Geld zu prägen. Und darum beschlagnahmen wir deine Zaubermuschel.” Von Neugierde getrieben, begannen sie die Muschel mit ihren Messern aufzubrechen. Vergebens warnte sie Uraschima. Unter ihren gierigen Händen klaffte die Muschel plötzlich auseinander, und drinnen glühte bläulich ein wunderbarer Edelstein. Ehe sich die Beamten jedoch versahen, verschwand der Stein in einer Rauchwolke, die auch Uraschima und seine Eltern einhüllte. Und plötzlich erhob sich ein mächtiger Sturm, und schäumende Wogen überfluteten das Dorf und verschlangen alles, was dort war.

Aber Albatrosse erzählen sich, dass Uraschima glücklich und zufrieden im Palast auf dem Meeresgrund mit der Prinzessin lebt.