In einem fernen Land, in einem tiefen Wald, unter einem hohen Baum lebte in einer kleinen Hütte ein Einsiedler. Er war für seine Weisheit in der ganzen Gegend berühmt, und bald kamen wissbegierige Schüler von weit und breit in die Einsiedelei, um von ihm die Geheimnisse des Weltalls kennenzulernen. Auch die Eltern eines Jungen, der Jumbo genannt wurde, erfuhren von ihm. Sie riefen den jungen zu sich und sprachen: “Lieber Sohn, würde die menschliche Weisheit an den Bubenstreichen gemessen, wärst du einer der größten Gelehrten auf der Welt. Noch niemals ist aus einem Lausbuben ein vornehmer Mann geworden, wenn er nicht die Ratschläge der Eltern befolgte, sich keine weisen Gedanken zu eigen machte und nicht in den heiligen Büchern las. Und weil dein Kopf ebenso leer ist wie dein ewig hungriger Bauch, wollen wir dich zu dem weisen Einsiedler schicken, damit er dich alles lehrt, was ein gelehrter Mann wissen muss.”
Was blieb Jumbo übrig. Er aß sich noch einmal tüchtig satt und machte sich auf den Weg zu dem Einsiedler.
Lange Zeit blieb Jumbo bei dem klugen Alten, um sich Weisheit und Genügsamkeit anzueignen, wie ihm die Eltern geraten hatten, aber ohne rechten Erfolg.
Sein Magen war ständig leer, er lechzte nach den Leckerbissen, die seine Mutter ihm zu Hause bereitet hatte. Der alte Einsiedler begnügte sich mit den Früchten des Waldes mit Beeren, einem Schluck Quellwasser, einer kleinen Nuss oder den Samen aus einem Zapfen, aber Jumbo? Der hatte immer Hunger.
Eines Tages sagte der weise Alte mürrisch: “Hör auf meine Worte, du ungehorsamer Schüler! Die Weisheit will dir nicht in den Kopf, deine Augen verschlingen alles, was da fliegt, nimm lieber einen Korb und geh ins Dorf. Meinem Schüler wird jeder gern etwas zu essen geben.”
Und so ging Jumbo ins Dorf, wie ihm befohlen worden war. In einer Hütte bekam er einen Kuchen, in einer anderen zwei, und wer freigebig war, schenkte ihm sogar vier. Nach einem Weilchen war Jumbos Korb voll mit Süßigkeiten, dass einem das Herz im Leibe lachte. Ach, dieser Duft’ Wer könnte da widerstehen? Und der hungrige Jumbo setzte sich in den Schatten und überlegte: Mein Meister ist ein heiliger, gutmütiger Mensch, gewiss wird er mir die Hälfte der Kuchen schenken, also kann ich sie mir gleich jetzt nehmen!” Und ehe man bis fünf zählen konnte, hatte Jumbo die Hälfte der süßen Kuchen verspeist. Ach, das schmeckte herrlich’ Der Junge erhob sich und machte sich wieder auf den Weg. Er ging und ging, auf der Zunge spürte er noch die Süße der verzehrten Kuchen, aber plötzlich bekam er wieder unwiderstehlichen Appetit.
“Ach was”, sagte er zu sich selbst, “wenn ich meinem Meister den Rest der Kuchen bringe, gibt mir der brave Mann sowieso die Hälfte davon. Warum soll ich sie also nicht sofort essen?” Gesagt, getan. Er begann zu essen, und schon war der Korb zu drei Vierteln leer. Wer aber glaubt, Jumbo hätte jetzt genug gehabt, der irrt gewaltig.
“Der Meister wird mir gewiss die Hälfte der Kuchen geben, wenn ich sie ihm bringe”, tröstete er sich selbst und zählte wieder die Hälfte der Kuchen ab, um sich den nimmersatten Magen damit zu füllen. Und später noch eine Hälfte und noch eine, bis auf dem Boden des Korbes ein einziger kleiner Kuchen übrig geblieben war. “Ach was”, sagte sich Jumbo, “mein guter Lehrer schenkt mir sowieso die Hälfte”, und schon war der halbe Kuchen in Jumbos Magen verschwunden.
Und so geschah es, dass Jumbo dem weisen Einsiedler nicht mehr als die Hälfte eines angebissenen Kuchens mitbrachte.
“Ist das alles, was du im Dorf erbettelt hast?” fragte der heilige Mann verwundert.
“l wo, der Korb war voll mit Kuchen!” gestand Jumbo wahrheitsgemäß. “Den Rest habe ich unterwegs aufgegessen, aber ich nahm mir immer nur die Hälfte, die Ihr mir in Eurer Güte sowieso geschenkt hättet, also gebührte sie mir.”
Und Jumbo erzählte, wie alles gekommen war. “Du meine Güte!” rief der Einsiedler verwundert. “Wie konntest du nur alle Kuchen aufessen?”
“Wie? So!” antwortete Jumbo, und schon war der letzte halbe Kuchen in seinem Magen verschwunden. Er wollte dem braven Meister ja nur zeigen, wie es passiert war.
“Geh nach Hause, lieber Jumbo”, sagte der Einsiedler traurig, “und sag deinen Eltern, dass nicht ich dir, sondern du mir eine große Weisheit beigebracht hast: In einem leeren Magen wohnt mehr Klugheit als in einem vollen Kopf.”
Und hungrig biss der Alte in eine grünliche Wurzel.