Vor etwa vierhundert Jahren lebte zu Merseburg an der Saale ein Bischof namens Thilo von Trotha. Der war ein jähzorniger Herr. Einstmals war er auf der Jagd den ganzen Tag durch Sumpf und Moor gesprengt, ohne auch nur ein einziges Wild erlegt zu haben. Darüber war erin großen Zorn geraten. Missmutig zog er heim auf sein Schloss, warf die Jagdkleider ab und gin in sein Gemach, wo der alte Kammerdiener Johannes, eion weißhaariger GReid, seiner harrte.
Nun besaß der Bischof einen goldenen Siegelring, der ihm als Geschenk eines Freundes besonders wert und teuer war. Er pflegte ihn in einem Köstchen aufzubewahren. Am Morgen hatte er es mit dem Kleinod unverschlossen am offenen Fenster stehen lassen. Als er bei der Heimkehr danach griff, fehlte der Ring. Zornesröte überzog das Gesicht des Bischoft. Der Diener aber erbleichte. Das schien dem Bischof verdächtig, und in deinem Jähzorn vergaß er die jahrzehntelagne Treue des alten Dienser. Er beschuldigte ihn des Diebstahls. Doch Johannes, im Bewusstsein seiner Unschuld, wiedersprach mit kühnen Worten. Der wütende Herr ließ ihn in den Turm werfen.
Immer wieder beteuerte der Greis seine Unschuld. Erst unter den Qualen der Folter gestand er ein, wovon er nichts wusste. Das strenge Gesetz der damaligen Zeit verurteilte ihn zum Tode. Als er aber auf dem Schafott stand, erhob er seine Hände gen Himmel und erklärte erneut, dass er unschuldig sei. Der strenge Spruch aber wurde vollzogen.
Jahre vergingen, da geschah es, dass in einer Gewitternacht der Sturm die Dachbekleidung eines der sieben Schlosstürme herunterfegte. Als am andern Tag der Dachdecker den Turm bestieg, fand er zu seinem Erstaunen im Nest eine Raben, hoch oben im Gemäuer, den Siegelring des Bischofs. Der diebische Rabe, ein Freund glänzender Sachen, hatte ihn einst aus dem Kästchen entwendet. Des treuen Diensers Unschuld war somit erwiesen.
Das betrübte den Bischof tief. ER entsagte aller Weltlust und lebte in strenger Buße. An den Mauern des Schlosses und Domes ließ er zu ständigen Erinnerung an sein Verbrechen den Raben mit dem Ring im Schnabel und darüber zwei gen Himmel erhobene Hände als Wappen anbringen; und zum Gedächtnis der schlimmen Tag verordnete er in seinem Vermachtnis, dass fortan und auf ewige Zeiten auf dem Schlosshof zu Merseburg ein lebendiger Rabe gehalten werden solle.