Es lebten einmal drei Zigeuner. Eines Abends saßen sie am Feuer und überlegten hin und her, wie sie es anstellen könnten, ohne Anstrengung gut zu leben, als ein Bärenführer mit seinem Bären vorbeikam: “Ihr Zigeuner”, sagte er, “lest mir die Zukunft aus der Hand. Ich will euch auch gut belohnen.”
Die Zigeuner ließen sich nicht lange bitten. Kaum aber hatte ihnen der Bärenführer die Hand entgegengestreckt, begann sich der älteste und gerissenste Zigeuner die Haare zu raufen und verzweifelt zu jammern: “Du Unglückseliger, ein grausames Schicksal harrt deiner, du wirst den Morgen nicht erleben. In deiner Hand steht geschrieben, dass du heute Nacht von deinem Bären getötet wirst!”
Erschrocken und zitternd vor Angst wandte sich der Mann an die Zigeuner und bat sie inständig, den Bären bei sich zu behalten. Sie aber taten so, als wäre das eine zu große Mühe für sie. Als der Bärenführer ihnen jedoch Geld anbot, ließen sie sich schließlich überreden.
Der Bärenführer ging erleichtert seiner Wege. Die Zigeuner überlegten, was sie nun machen sollten. Der älteste Zigeuner schlug vor, den Bären die ungarische Sprache zu lehren, und dann werde man weitersehen.
Gesagt, getan.
Mit Rippenstößen und Stockschlägen wollten sie dem Bären das Sprechen beibringen, aber er hatte kein Talent dafür, und das einzige. was er auf ungarisch lernte, war “igen, igen”, das heißt, “ja, ja”.
Eines Tages fanden sie im Straßengraben einen bis zur Bewusstlosigkeit betrunkenen Mann aus der Stadt, zogen ihm die Kleider vom Leib, nahmen ihm die goldene Brille von der Nase, die Zigarettendose aus der Tasche und putzten damit den Bären heraus, dass er wie ein nobler Herr aussah. Am Ende zogen sie ihm noch weiße Handschuhe über die Tatzen und setzten ihm die Brille auf die Nase. Dann steckten sie ihm ein weißes Tüchlein in die Brusttasche, setzten Ihn in eine Kutsche und fuhren zum Kaufmann.
“Holla, Krämer, der Zigeunerbaron fährt gerade in sein Schloss an der Donau und will für sein Hochzeitsmahl einkaufen!”
Der Krämer wunderte sich, was für einen noblen Herrn ihm die Zigeuner in den Laden führten, verneigte sich tief vor ihm und setzte ihn auf ein Samtkissen vor ein Fässchen mit Pflaumenmus und eine Schüssel mit Käse.
Inzwischen ordneten die Zigeuner an, was der Krämer in ihren Wagen laden sollte.
“Ach”, kratzte sich der Kaufmann hinterm Ohr, denn er traute den Zigeunern nicht über den Weg, “wer wird mir das alles bezahlen?”
“Siehst du denn nicht, unser Baron heiratet. Er hat so viel Geld, dass er deinen ganzen Laden aufkaufen kann!” fuhren die Zigeuner den Krämer an und versetzten dem Bären unauffällig einen Rippenstoß. “Werdet Ihr bezahlen, Herr Baron?” schrien sie ihm ins Ohr.
“lgen”, brummte der Bär und griff mit einer Tatze in das Pflaumenmus, mit der anderen in die Schüssel mit dem Käse.
Merkwürdige Sitten haben diese hohen Herren, dachte sich der Krämer. Die Zigeuner fragten, was für das Festmahl noch zu kaufen sei ein Sack Mehl? Ein Topf Fett? Ein Krug Honig? Speck und Mais?
“lgen, igen, igen”, brummte der Bär und schleckte die Schüssel mit dem Käse aus.
Da zögerte der Krämer nicht länger und schleppte herbei, soviel wie auf dem Wagen Platz hatte. Und er freute sich über den hübschen Gewinn, den er machen würde.
Als der Wagen voll beladen war, sagten die Zigeuner: “Pass auf, Krämer, unser Herr Baron ist müde, die Fahrt hat ihn sehr angestrengt, lass ihn hier ein wenig ausruhen. Lass ihn schlafen, und wenn er aufwacht, wird er dir alles bezahlen.”
Und wirklich! Der Baron schnarchte zufrieden, dass die Wände zitterten. Der Krämer rieb sich die Hände, erfreut über das gute Geschäft, und verabschiedete sich höflich von den Zigeunern.
Lange wartete der Krämer auf das Erwachen des Herrn Barons, aber schließlich riss ihm die Geduld. Er rüttelte den noblen Herrn wach und überreichte ihm die Rechnung. Doch der Bär brummte nur immer vor sich hin. Schließlich wurde es dem Krämer zu viel und er schrie laut: “Herr Baron, entweder Ihr zahlt, oder ich hole den Gendarmen!”
Aber der Bär brummte nur etwas Unverständliches in seiner Bärensprache, holte aus und stieß den Krämer in das Fass mit Pflaumenmus, worin dieser bis zum Hals versank.
“Himmel! Das ist kein Baron, das ist ein Bär”‘ schrie der Krämer entsetzt. “Oh, ich Dummkopf!”
“lgen”, sagte der Bär darauf und ging dann seiner Wege.

Achtung, lesen!
Auch wenn in diesem Märchen noch von “Zigeunern” die Rede ist und diese auch kriminell dargestellt werden, so möchte ich euch bitten, zu bedenken:
Zigeuner ist ein Schimpfwort und nicht der Name für eine Gruppe von Menschen, die den Sinti oder Roma angehören. Weil aber das Märchen sehr alt ist und ich dieses auch so wiedergeben will, verwende ich hier dieses Wort “Zigeuner”