Die zwölf Prinzessinnen

Herkunft: slawisches Märchen

Vor langer, langer Zeit herrschte ein mächtiger König in einem Königreich. Er hatte zwölf Töchter, eine hübscher als die andere. Aber die schönste von allen war die jüngste Prinzessin Lina. Ihre Wangen waren wie die Morgenräte, ihre Locken wie Gold und ihr Lächeln wie der Sonnenaufgang. Es war daher kein Wunder, dass der königliche Gärtner Michael sich in sie verliebt hatte.

Dem alten König machten seine vielen Töchter große Sorgen. Er musste ihnen Seidenstoffe für Kleider, sowie viele Juwelen und Edelsteine kaufen. Aber am meisten ärgerte ihn, dass die Prinzessinnen morgens nicht aufstehen wollten. Sie gähnten immerzu und hatten blasse Wangen, überdies hatten sie alle über Nacht ihre seidenen Sandalen zerrissen, so dass ihnen die Zehen hervorschauten.

„Ich möchte gern wissen, wo Ihr in der Nacht gewesen seid“, sagte der König zornig, und um Ruhe zu haben, sperrte er die Töchter von nun an jeden Abend in ihre Zimmer ein, die mit drei goldenen Schlössern und drei silbernen Riegeln gesichert wurden. Aber glaub mir, schon am nächsten Morgen waren die Töchterchen wieder blass und schläfrig, und aus den neuen Sandalen guckten die Zehen und Fersen hervor. Vergebens fragte der König sie aus, wieso die Sandalen wieder zerrissen seien, aber die Prinzessinnen sagten kein Sterbenswörtchen. Da wurde der alte König wirklich böse. Er ließ im ganzen Land verkünden, er werde eine seiner Töchter und dazu das halbe Königreich demjenigen Prinzen geben, der seine Töchter über Nacht in ihrem Schlafzimmer bewache. Natürlich meldeten sich viele Prinzen, aber sobald einer von ihnen über Nacht ins Schlafzimmer der Prinzessinnen gesperrt wurde, war er am Morgen spurlos verschwunden wie der Schnee an der Sonne. Binnen kurzer Zeit verschwanden elf Prinzen, aber die Prinzessinnen beteuerten immer wieder, sie wüssten von nichts, sie hätten geschlafen. Aber jeden Morgen waren ihre Sandalen zerrissen, sie gähnten und torkelten schläfrig durch das Schloss. Da wurde der König traurig.

Eines Tages war der Gärtner Michael dabei, die Rosen zu begießen, als aus einer Blüte eine winzige Fee hervortrat und sich anschickte, in einem Wassertropfen zu baden.

„Was machst du da?“ fragte der Gärtner verwundert.

„Ich wohne hier“, sagte die Fee. „Und weil du so gut für uns sorgst, will ich dir zwei Zaubersträucher schenken, einen Rosen- und einen Jasminstrauch. Pflanze sie vor deinem Fenster ein, bearbeite den Boden mit einer goldenen Harke und begieße sie mit einer silbernen Gießkanne. Wenn die Sträucher dann groß sind“, sagte die Fee, „werden sie dir jeden Wunsch erfüllen.“

Der Gärtner Michael bedankte sich höflich und tat, wie die Fee ihn geheißen hatte. Sieben Tage lang begoss er die Sträucher mit einer silbernen Gießkanne, harkte den Boden mit einer goldenen Harke, während die Prinzessinnen immer noch müde und mit kaputten Sandalen durch das Schloss liefen. Der König war ratlos.

Als die beiden Zaubersträucher hoch genug gewachsen waren, bat der Gärtner Michael den Rosenstock: „Schöner duftender Rosenstrauch, mach mich unsichtbar!“

Aus dem Strauch erklang eine Summen und plötzlich schwebte von einem Zweiglein eine rosafarbene Blüte zu Boden. Der Gärtner Michael steckte sie ins Knopfloch und beugte sich über die Quelle wie über einen Spiegel, um sich anzusehen. Aber er schaute vergebens, denn er war unsichtbar. Und da es gerade zu dunkeln begann, schlüpfte Michael ins Schlafzimmer der zwölf Prinzessinnen und wartete, bis der König die Tür mit drei goldenen Schlössern und drei silbernen Riegeln verschloss. Kaum war das geschehen, sprangen die Prinzessinnen aus den Betten, schlüpften in die neuen seidenen Sandalen, zogen neue mit Edelsteinen bestickte Kleider an und stellten sich hintereinander in eine Reihe – von der ältesten bis zur jüngsten. Mit einem Zweiglein aus Diamanten berührte dann die erste die Mauer in einer Ecke des Raumes, eine Wand öffnete sich und gab den Weg in ein gläsernes Treppenhaus frei, und die Prinzessinnen trippelten eine nach der anderen die Treppe hinunter. Michael natürlich hinterdrein. Aus Angst, die Öffnung in der Wand könnte ihm vor der Nase zuklappen, trat er in der Eile der jüngsten Prinzessin Lina auf das Kleid.

„Jemand ist hinter uns her!“ rief Lena. „Es hat mir gerade jemand aufs Kleid getreten.“ Aber die älteste Prinzessin beruhigte sie: „Sicher bist du an einem Nagel hängen geblieben.

Das gläserne Treppenhaus führte in einen Zauberwald. Dort wuchsen diamantene Sträucher, Bäumchen mit Rubinzweigen und Farne mit Saphiren. Als die Prinzessinnen mit dem unsichtbaren Michael den Wald durchschritten hatten, kamen sie an einen kleinen See, an dessen Ufer zwölf Boote mit seidenen Baldachinen, die mit Mondstahlen bestickt waren, vor Anker lagen. Am Ruder saß in jedem Boot ein schöner Prinz, half einer Prinzessin beim Einsteigen und stieß sofort vom Ufer ab. Nur die jüngste Prinzessin Lina musste selbst rudern, denn es waren nur elf Prinzen da. Für Prinzessin Lina war die Fahr sehr anstrengend, denn ganz hinten im Boot saß der unsichtbare Michael. Kein Wunder also, dass sie zurückblieb. Schließlich erreichten sie ein riesengroßes Lotosblatt. Auf dem Blatt stand ein Palast aus Fischschuppen, das Innere war von Leuchtkäfern erhellt, und geflügelte Pagen, in Krebspanzer gekleidet, reichten Getränke in Seerosenkelchen herum. Wer aus einem solchen Kelch nur ein Tröpfchen getrunken hatte, vergaß sofort die ganze Welt und tanzte und tanzte bis zum Morgengrauen. Jede Prinzessin hatte ihren Tänzer, nur Prinzessin Lina tanzte allein. Da fasste der Gärtner Michael um die Taille und wirbelte mit ihm im Kreis herum ,dass die Röcke nur so flogen.

„Schwesterchen, Schwesterchen, jemand tanzt mit mir“, rief die Prinzessin erstaunt, aber die anderen beachteten die Worte nicht. Und so durchtanzte Michael mit der Prinzessin die ganze Nacht. Als es Morgen war, verabschiedeten sich die Prinzessinnen von ihren Freiern, kehrten ins Schloss zurück und schlüpften schnell in ihre Betten. Michael aber hatte sich auf dem Rückweg durch den Zauberwald ein Zweigleich mit Rubine, eines mit Diamanten und eines mit Saphiren abgepflückt.

Am nächsten Morgen waren die Prinzessinnen wieder sehr müde, ihre Sandalen von Tanzen zerrissen, so dass die Zehen hervorschauten. Der alte König war unglücklich, nur der Gärtner Michael war guter Laune. Im Garten band er einen wunderschönen Blumenstrauß, in den er auch die drei Zweigleich mit den Edelsteinen steckte, und überreichte ihn dann der Prinzessin Lina.

„Schwestern, ach Schwestern, der Gärtner kennt unser Geheimnis“, rief Lina erschrocken, als sie die Zweigleich in dem Strauß entdeckte. Die Prinzessinnen wurden leichenblass. Sie hatten Angst, der Gärtner würde alles dem König erzählen. In Eile berieten sie, was sie tun sollten. „Wir nehmen ihn einfach mit ins Zauberschloss und geben ihm aus dem Lotoskelch zu trinken. Dann vergisst er alles, und so wirst du, Lina, auch einen ständigen Tänzer haben“, schlug die älteste Prinzessin vor. Aber Lina begann zu weinen, dass gerade sie einen armen Gärtner als Freier bekommen sollte. Der unsichtbare Michael, der alles mit angehört hatte, lief zu dem Jasminstrauch und bat, er soll ihn in einen schönen Prinzen verwandeln. Und als sich der Bursche dann über die Quelle beugte, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen, was für ein hübscher Prinz aus ihm geworden war. Sogleich ließ er sich beim König melden und bat, man möge ihm erlauben, über Nacht die ungehorsamen Prinzessinnen zu bewachen. Der alte König war froh, und Prinzessin Lina konnte die Augen nicht von dem schönen Prinzen abwenden. Kaum wurde abends die Schlafzimmertür mit den drei goldenen Schlössern und drei silbernen Riegeln versperrt, schloss sie ihren Beschützer in die Arme, führte ihn über die geheime Treppe ins Zauberschloss. Dort reichte ihm die Prinzessin einen Lotoskelch.

„Trink mein Bräutigam, trink von dem Trank der Liebe und des Vergessens“, lockte sie ihn. Aber Michael warf den verzauberten Kelch weit von sich und rief: „Ich kennen einen schöneren Kelch und ein köstlicheres Getränk als dieses, Prinzessin Lina!“ Und er küsste sie auf den Mund. Da erbebte die Erde, und das Schloss mit See und Zauberwald verschwand, als habe man es mit einem Zauberstab berührt. Vor dem staunenden Gärtner Michael knieten die Prinzen und Prinzessinnen und dankten ihm, dass er sie von dem Zauber der Seerosenkelche befreit hatte.

Und so wurde der Gärtner Michael König. Gern hätte er der kleinen Fee aus der Rosenblüte und den Zaubersträuchern gedankt, aber auch sie waren spurlos verschwunden. Wohin? Vielleicht ans Ende der Welt.