Es war einmal ein mächtiger König, der wurde von allen übrigen Herrschern um seinen Ruhm und seinen Reichtum beneidet. Aber dieser König hatte niemanden, der eines Tages sein Königreich erben sollte, und so kniete er in der Schlosskapelle nieder und betete, der Himmel möge ihm doch einen Nachkommen bescheren. Aber Jahr um Jahr verging, und die Wiege im königlichen Schloss blieb leer. Aber einmal, als der Herrscher wieder sein Unglück beklagte, erklang in der Kapelle eine leise Stimme: “Ich will deinen Wunsch erfüllen, König, aber erwäge gut! Willst du einen Sohn, der dir stirbt, oder eine Tochter, die dir davonläuft?”
Der König bat die geheimnisvolle Stimme um einen Tag Bedenkzeit und eilte, um sich mit seinen Ministern zu beraten. Der älteste Ratgeber sprach: “Was nützt uns Milch, wenn sie vergossen ist? Wozu ein Sohn, wenn er stirbt? Bitte die geheimnisvolle Stimme, sie möge dir eine Tochter schenken.”
Kaum war ein Jahr vorüber, lag in der königlichen Wiege ein Töchterchen, so lieblich anzusehen, dass es eine Freude war. Der König ließ für die kleine Prinzessin ein Schloss erbauen, rings um das Schloss eine hohe Mauer, unter der Mauer einen tiefen Graben.
Über den Graben führte eine einzige goldene Brücke, in das Schloss aber ein einziges goldenes Tor. Zu diesem Tor passte ein einziger Schlüssel, und den trug der König selbst in der Tasche. Das alles, damit ihm sein Töchterchen nicht davonlaufe.
Aber was half’s! Als die Prinzessin herangewachsen war, verlor der König den goldenen Schlüssel, den ein junger Prinz aus dem benachbarten Königreich fand. Er versuchte, ob sich mit ihm vielleicht das goldene Tor in der hohen Mauer öffnen ließ. Und so begegnete die hübsche Prinzessin ihrem Bräutigam. Ein Wort gab das andere, und der Prinz führte die Königstochter in sein Königreich heim. Als der König erfuhr, dass ihm sein Töchterchen davongelaufen war, schwor er furchtbare Rache.
Nach einiger Zeit wurde der Prinzessin ein Sohn geboren. Bald wuchs der Knabe zu einem stattlichen Jüngling heran. Und eines Tages begann er die Mutter nach seinem Großvater auszufragen. “Dein Großvater ist uns böse, weil ich ihn verlassen habe”, sagte sie. “Nimm dich vor seinem Zorn in acht!” Aber der junge Prinz schlug alle Warnungen in den Wind und machte sich eines Tages auf, den alten König zu besuchen.
“Geh mir aus den Augen!” schrie der König, als de der Prinz vor ihm erschien und sich vor seinem Thron verneigte. “Ich habe keine Tochter und keinen Enkel mehr. Willst du mir aber trotz allem deine Zuneigung beweisen, bring mir das Haupt der Zauberin Medusa! Wenn dir das gelingt, wirst du König in meinem Reich.” Und der König wurde von einem bösen Lachen geschüttelt, denn von der grausamen Medusa sprachen die Leute nur im Flüsterton. Man sagte, sie sei so böse und so wunderschön, dass jeder, der ihr ins Antlitz schaute, zu Stein erstarrte. Aber der junge Prinz war kühn. Er stieg auf sein Pferd und machte sich auf den Weg zum Schloss der schönen Zauberin.
Eines Tages traf der Prinz am Fuß eines unwegsamen Gebirges einen armen alten Mann, der geduckt am Wegrand saß und sich die Hände schützend vor die Augen hielt, damit sie ihm die Raubvögel nicht aushackten, die seinen Kopf umkreisten. Er wäre vielleicht umgekommen, hätte nicht der Prinz sein Schwert gezückt und die wilden Räuber erschlagen.
“Ich danke dir, mein Retter”, sagte der Alte. “Ich kann die Gedanken anderer lesen, und darum weiß ich, wohin du willst. Aber ohne meine Hilfe gelangst du nie in den Palast der Zauberin Medusa.” Und der Greis stieß einen schrillen Pfiff aus, und aus der Höhe ließ sich ein geflügeltes Pferd vor dem Prinzen nieder.
“Die Zauberin Medusa wohnt in einem Palast aus giftigen Drachenzähnen hinter Bergen, die niemand übersteigen, hinter Flüssen, die niemand überqueren kann. Aber mein geflügeltes Pferd wird dich sicher hinbringen”, sagte der Alte leise. “Merk dir nur, du darfst der Zauberin Medusa nicht ins Gesicht schauen, sonst erstarrst du zu Stein.”
Der junge Prinz wurde traurig. “Wie soll ich dann der Zauberin den Kopf abschlagen, wenn ich sie nicht anschauen darf? Da reite ich lieber gleich wieder nach Hause.”
Aber der Alte beruhigte ihn lächelnd. “Keine Angst! Hinter dem gläsernen Berg leben in einem gläsernen Haus zwei alte Zauberinnen, die einen Zauberspiegel besitzen. In dem Spiegel beobachten sie die ganze Welt, schauen sogar in die Sonne und zwischen die Sterne, ohne dass ihnen die Glut der Sonne oder der Frost der Sterne etwas anhaben kann. Denn dieser sonderbare Spiegel lässt ungewöhnliche Dinge gewöhnlich gering erscheinen. Nimm ihnen den Spiegel weg, und wenn du in den Palast der Medusa kommst, schau nur ihr Spiegelbild an, und ihre vernichtende Schönheit wird dir nichts anhaben können.”
Der junge Prinz bedankte sich und ritt auf dem geflügelten Hengst zu dem gläsernen Haus. Als sie den gläsernen Berg überflogen hatten, sah er ‘im Garten hinter dem gläsernen Haus zwei merkwürdige alte Frauen mit dem Zauberspiegel. Beide zusammen hatten nur ein Auge, das sie sich gegenseitig borgten. Der Prinz ließ sich zur Erde hinab und überlegte, wie er in den Besitz des Zauberspiegels kommen könnte. Da sprach eine der Frauen:”Schwesterchen, borg mir unser Auge für ein Weilchen, ich will schauen, was es, in der Welt Neues gibt.”
Die andere Alte nahm das Auge aus der Stirn und reichte es der Schwester. Da in dem Augenblick keine von ihnen sehen konnte, streckte der Prinz die Hand aus und nahm sich das Auge selber.
“Gib mir endlich unser Auge”, sagte die eine Alte ungeduldig.
“Ich hab es dir doch soeben gegeben”, antwortete die andere verwundert. Sie begannen zu streiten, legten den Spiegel auf die Erde und suchten mit tastenden Händen nach dem Auge. Darauf hatte unser Prinz gewartet. Er ergriff den Spiegel, schwang sich auf das geflügelte Pferd und verschwand bald darauf in den Wolken.
Sie flogen und flogen, bis sie aus der Höhe den Palast aus giftigen Drachenzähnen inmitten einer steinernen Wildnis erblickten. Der Prinz ließ sich auf dem Schlosshof nieder und rief: “Zauberin Medusa, ich komme mir deinen Kopf holen!”
Da erscholl ein schreckliches Lachen, und die Zauberin Medusa trat auf den Hof hinaus. “Schau mir in die Augen, schöner Jüngling”, sagte sie lockend, aber der Prinz blickte nur in den Zauberspiegel. Als sich die Zauberin näherte, warf er ihr sein Tüchlein über und schlug ihr mit einem einzigen Schwerthieb den Kopf ab.
Aus dem Körper der enthaupteten Zauberin sprudelten giftige Ströme von Blut hervor, die sich in Schlangen verwandelten und den Prinzen angreifen wollten. Wäre nicht das geflügelte Pferd da gewesen, er hätte seinen Mut teuer bezahlen müssen. Aber das Ross schwang sich mit dem Prinzen, der das Haupt der Zauberin fest in der Hand hielt, zum Himmel empor, und bald war von dem Palast der Medusa nichts mehr zu sehen.
Da erblickten sie aus der Höhe am Meeresstrand eine Stadt, deren Häuser alle mit schwarzem Flor verhangen waren. “Was ist das für ein merkwürdiges Königreich?” wunderte sich der Prinz und ließ sich an der Küste nieder. Dort saß ein wunderschönes, ganz in Schwarz gekleidetes Mädchen, das bitterlich weinte.
“Fliehe, wenn dir dein Leben lieb ist”, rief es dem Prinzen zu. “Ich bin die Tochter des Königs in diesem Land, und gerade heute soll mich ein siebenköpfiger Drache aus dem Meer holen kommen.”
Aber der Prinz kannte keine Angst und forderte das Ungetüm zum Kampf heraus.
Da brauste die Brandung auf, und dem Meer entstieg ein siebenköpfiges Ungeheuer.
“Wer wagt es, mich herauszufordern!” rief der Drache donnernd, und Flammen züngelten aus seinen sieben Mäulern. Aber der Prinz zögerte nicht, riss das Tuch von dem Medusenhaupt und hielt es dem Drachen entgegen, der sogleich zu Stein erstarrte.
Freude herrschte im ganzen Königreich. Der glückliche König gab seine Tochter dem mutigen Prinzen zur Frau und noch so viel Gold und Edelsteine dazu, die im Leib das Drachen Platz hatten.
Und dann machte sich der Prinz eines Tages auf den Weg zu seinem Großvater. Der böse greise König wollte seinen Augen nicht trauen, denn er hatte geglaubt, sein Enkel sei schon längst nicht mehr am Leben.
“Zeig mir das Haupt der Medusa, sonst lass ich dich in den Hungerturm werfen”, befahl er.
Der Prinz warnte den König, aber dieser gab nicht nach, da riss der Prinz das Tuch von dem abgeschlagenen Medusenhaupt und hob es hoch. In dem Augenblick erstarrte der König zu Stein. Der kühne Prinz und seine Gemahlin herrschten dann weise und gütig über ihr Volk. Das geflügelte Pferd, der Zauberspiegel und das Medusenhaupt aber waren spurlos verschwunden.