Die Zauberklapper

Herkunft: Südamerika

Einst lebten im Urwald braune Indianer, die das Wild jagten, indem sie durch Blasrohre giftige Pfeile abschossen. Unter ihnen lebte auch der junge Jäger Wowo, ein sehr braver Bursche, der aber gar kein Glück hatte. Seine drei Schwestern waren mit den gewandtesten Jägern des Dorfs verheiratet, und da der brave Wowo fast niemals eine ordentliche Beute aus dem Urwald heimbrachte, machten sie sich über ihn lustig und verspotteten ihn. Den Jungen verdross das sehr

Eines Tages fand Wowo im Urwald ein Vogelnest. “Jetzt, meine Schwäger, will ich euch zeigen, was für ein tüchtiger Jäger ich bin!” und er zielte mit seinem giftigen Pfeil auf das Nest. Aber die kleinen Vögelchen bettelten: “Töte uns nicht, wir wollen es dir vergelten. Nimm den hohlen Kürbis, der unter dem Nest liegt. Wann immer du auf Fischfang gehst, tauche den Kürbis ins Wasser, aber fülle ihn nur zur Hälfte. Vergiss nicht, nur zur Hälfte!” Wowo dankte den Vögelchen, nahm den Kürbis, lief an den Fluss und tat, wie sie ihn geheißen. Kaum hatte er den Kürbis ins Wasser getaucht, strömte der ganze Fluss hinein, und in einer Welle war das Flussbett beinahe leer, das Wasser reichte kaum bis zu den Knöcheln. Und wohin Wowo auch schaute, überall zappelten große Fische auf den Sandbänken. Da war auch der Kürbis schon zur Hälfte voll, und Wowo zögerte nicht, sammelte die Beute ein und eilte fröhlich nach Hause.

Anstatt ihn zu loben, beneideten ihn seine bösen Schwäger nur, und als ihnen der gutmütige Wowo verriet, dass er den wunderbaren Kürbis von den Vögelchen bekommen hatte, bedrängten sie ihn so lange, bis er ihnen den Kürbis gab. Am ersten Tag befolgten sie seinen Rat und füllten den Kürbis nur zur Hälfte mit Wasser. Sie fingen so viele Fische, dass sie kaum imstande waren, sie ins Dorf zu schleppen. Aber schon am folgenden Tag überfiel sie die Habgier, und sie wollten noch mehr Fische haben. Sie tauchten den Kürbis ins Wasser und füllten ihn bis an den Rand. Plötzlich stürzte alles Wasser in das Flussbett zurück und riss die Habsüchtigen mit sich; fast wären sie ertrunken. Der wunderbare Kürbis wurde von der Strömung erfasst und schwamm davon.

Zu Hause angelangt, beschimpften sie Wowo, er sei an allem schuld und hätte sie mit seinen Zaubereien fast umgebracht. Traurig ging Wowo flussabwärts, um seinen verlorenen Kürbis zu suchen. Plötzlich hörte er Flügelschlag, und aus der Höhe erklang eine Vogelstimme: “Du suchst vergeblich, Wowo, deinen Kürbis haben die Fische davongetragen. Aber weil du uns das Leben geschenkt hast, nimm diesen Zauberpfeil. Wenn du ihn aus dem Blasrohr schießt, wirst du reiche Beute machen vergiss ihn nur zur Hälfte in das Rohr!” Der Vogel verstummte, und vor Wowos Füßen lag ein kurzer, bunter Pfeil. Wowo zögerte nicht, setzte den Pfeil zur Hälfte ins Blasrohr und schoss ihn ab, ohne zu zielen. Da fielen ihm Enten, Wasserhühner, Gänse, kurz, die beste Beute vor die Füße, die sich ein Jäger nur wünschen kann.

Der gutmütige Wowo! Wieder ließ er sich von den Schwägern überreden, verriet ihnen sein Geheimnis und gab ihnen den Zauberpfeil. Die Schwäger setzten den Pfeil nur zur Hälfte ins Blasrohr. Aber dann übermannte sie wieder die Habgier, und sie steckten den Pfeil in seiner ganzen Länge ins Blasrohr. Kaum aber hatten sie ihn abgeschossen, stürzten sich wilde Adler und Geier auf sie und hackten mit den scharfen Schnäbeln auf die Schwäger ein, dass diese nur wie durch ein Wunder entkamen. Der unglückliche Wowo ging in den Urwald, um den Zauberpfeil zu suchen, den die Schwäger auf ihrer Flucht verloren hatten.

“Deinen Pfeil haben unsere Brüder davongetragen”, hörte er eine Vogelstimme. “Aber weil du Mitleid mit uns hattest, wollen wir dir eine Zauberrassel schenken. Aber merk dir, du darfst immer nur einmal am Tag mit ihr rasseln, sonst wird es dir schlimm ergehen!” Das Vöglein warf Wowo eine hübsche bunt bemalte Rassel vor die Füße. Kaum hatte Wowo einmal gerasselt, liefen aus dem Dickicht Hirsche, Tapire und Wildschweinchen herbei und sanken vor Wowo zu Boden.

Aber wiederum nahmen ihm die bösen Schwäger die Rassel weg, und ohne auf Wowos Warnung zu hören, liefen sie in den Urwald zurück und rasselten zum zweiten Mal an demselben Tag. Da stürzten sich ganze Rudel von Raubtieren, Kaimane, Pumas und Jaguare auf sie und zerfleischten die Unglückseligen.

Als die Jäger lange nicht ins Dorf zurückkehrten, ging ihnen Wowo in den Urwald nach. Im Dickicht fand er nur seine Zauberrassel und ein Häufchen abgenagter Knochen. Sofort erkannte er, was geschehen war. Als er mit dieser traurigen Nachricht ins Dorf kam, wollte niemand mehr etwas mit der Zauberrassel zu tun haben. Diese aber hatte nichts von ihrer Zauberkraft verloren, und so war und blieb Wowo der berühmteste Jäger im Urwald.

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